Kleine Randnotiz: Dieser Blogpost entstand ursprünglich für das Psylife Onlinemagazin und wurde für den Blog überarbeitet.
Wir sind mittendrin – in gesellschaftlichen Umbrüchen und globalen Krisen. Vielleicht geht es dir da ähnlich wie mir und du hast den Eindruck, dass die Welt und das Leben darin Tag für Tag unsicherer, anstrengender und komplizierter werden.
Warum das Ganze? Was ist der Sinn?
Wir Menschen waren schon immer daran interessiert, warum Dinge so sind oder so passieren, wie wir sie erleben. Verschiedene Generationen, Kulturen und Glaubensrichtungen haben unterschiedliche Antworten parat, und trotzdem bleiben wir oft unzufrieden.
Warum ist uns die Antwort auf die Frage nach dem Sinn gerade jetzt so wichtig? Ich möchte dir zeigen, wie die Psychologie Prozesse der Sinnfindung unterstützt und was du in deinem Alltag tun kannst, um diesen „Motor“ zu starten. Denn eine Krise bedeutet nicht nur ein überlastetes Nervensystem und Gefühle der Machtlosigkeit. Sie kann ein Nährboden für Resilienzstärkung und ein Impuls für persönliche Veränderungen und Weiterentwicklung sein.
Die Sinnsuche ist immer trendy! Und manchmal empfinde ich sie als stark übertrieben. Deshalb vorab ein kleiner Disclaimer: Das eigene Leben als „sinnvoll“ zu betrachten, ist ein dynamischer Prozess, der weder definierten Anfangs- noch Endpunkt hat.
Es gibt meines Erachtens auch nicht den EINEN Sinn im Leben, der über allem steht. Er ist außerdem nicht an eine bestimmte Sache, Situation oder Handlung gebunden. Sinn entsteht auch nicht plötzlich, wenn du ein Ziel erreicht hast. Es gibt keine „Wenn… dann…“-Formel.
Du darfst dem ganzen Sinn-Trend nicht zu viel Gewicht für dein persönliches Leben geben.
Sinnhaftigkeit ist eher ein Gefühl, das mal stärker und mal schwächer präsent sein kann. Und dieses Gefühl kannst du zu einem gewissen Grad beeinflussen – durch deinen Lifestyle und deine Einstellung gegenüber deinem alltäglichen Leben und dem Leben im Großen und Ganzen.
Dein ganz individuelles Sinnempfinden wirkt wie ein psychologischer Anker. Das sagt auch die Wissenschaft (dazu gleich mehr). Und allein deshalb solltest du dich mit dem Thema beschäftigen. Am Ende des Posts findest du ausgewählte Übungen, die heute schon dein Gefühl von Sinn stärken können.
Sinn in der Krise – aufs Neue Halt, Kraft und Durchhaltevermögen spüren
Du weißt, was du in jeder Lebenslage tun kannst, damit es besser wird.
Du vertraust darauf, dass du durchhalten wirst, egal was kommt.
Dich an neue, unvertraute und unsichere Situationen anzupassen, fällt dir nicht super schwer.
Dir ist klar, was in deinem Leben wirklich, wirklich wichtig ist.
Klingt gut, oder?
Aber in Zeiten von Krise, Überforderung, Burn-out und Dauerstress kommst du (wenn überhaupt) nur mühsam zu diesen „sinnvollen“ Überzeugungen.
Weiter oben habe ich erwähnt, dass du dein Gefühl von Sinnhaftigkeit beeinflussen kannst. Ein erster Schritt ist, die Theorie dahinter zu verstehen. Deshalb machen wir einen kurzen Abstecher in die Forschung:
Laut Martela und Steger entsteht das Gefühl von Sinnhaftigkeit aus drei Quellen:
1)Verstehen: Du brauchst Vorhersehbarkeit und Regelmäßigkeit (Kohärenz).
2)Bedeutung: Du willst die Effekte deiner Existenz und deines Verhaltens sehen und spüren (Signifikanz).
3)Wirksamkeit: Du brauchst Zielgerichtetheit und das Gefühl, einen „Purpose“ (= eine Bestimmung) zu haben.
Das heißt: Beim Sinn geht es darum, dein Leben zu verstehen und das Gefühl zu haben, dass dein Dasein und dein Tun wichtig sind.
Studien zeigen, dass sich Menschen, die ihr Leben als sinnvoll erleben, wohler fühlen, auch wenn es ihnen temporär schlecht geht. Sie fühlen sich emotional stabil, denn sie wissen, wie sie mit belastenden Situationen und mit unangenehmen Gefühlen umgehen können. Sie empfinden weniger subjektiven Stress und Ängste im Vergleich zu den Menschen, die wenig Sinn empfinden.
Warum sind diese Studienergebnisse wichtig?
Sinn wirkt scheinbar wie ein innerer Motor, der dich antreibt und ein Gefühl von Richtung gibt. Genau das ist essenziell, wenn äußere Orientierungspunkte fehlen, wie eben in Zeiten von Krisen und Unbeständigkeit.
Wenn äußere Stabilität bröckelt, wird dieses innere „Wozu“ umso wichtiger, denn es gibt der chaotisch erlebten Welt eine Struktur. In Strukturen fällt es dir leichter, handlungsfähig zu bleiben, weil du dich in ihnen klarer erkennst und verstehst. Alles wird ein bisschen weniger „schwammig“.
Ich will genau das!
Wenn das dein Gedanke ist, solltest du über eine sinngestützte Beratung (Coaching oder Therapie) nachdenken. Ich stelle dir einige Ansätze vor.
Sinn in Coaching und Therapie
In der Existenziellen Psychotherapie nach Rollo May und Irvin D. Yalom werden Gefühle von Sicherheit und Stabilität ergründet, um existentielle Ängste in Bezug auf Freiheit, Isolation, Sinnlosigkeit und Tod aufzufangen.
Die Narrative Therapie sieht den Menschen als Autor:in der eigenen Lebensgeschichte. Wie wir uns denken können, führen manche Geschichten, die wir uns erzählen (Bsp. „Ich bin gescheitert“) zu emotionalen Blockaden und Lethargie. In der Therapie wird eine neue Geschichte verfasst, die frische Perspektiven eröffnet und aus der Blockade herausführen kann.
Einer der bekanntesten Ansätze ist die Logotherapie nach Viktor Frankl. Frankl betrachtete Sinn als zentrale Kraft für die menschlichen Psyche, vor allem in Krisensituationen. Diese Kraft hat er selbst in extremen Situationen entwickeln müssen. Im Konzentrationslager verlor Frankl seine Eltern, seinen Bruder und seine Frau – aber nicht seinen Willen, weiterzuleben.
Um das Erleben von Sinnhaftigkeit anzukurbeln, wird in der Logotherapie mit Werten gearbeitet:
1) Schöpferische Werte: Was kannst du in die Welt bringen? Beispiele: Beruf, Hobbys, Wissen
2) Erlebniswerte: Was erlebst du als sinnvoll? Beispiele: Natur, Kunst, Interessen
3)Einstellungswerte: Wie kannst du Leid und Krisen ertragen? Beispiele: Liebe, Hingabe, Respekt, Vertrauen
Diese drei „Hauptstraßen des Sinns“ sollen dir helfen, deinen Alltag trotz Einschränkungen bestmöglich zu gestalten. Denn Frankl sagt:
Der Mensch ist nicht frei von Bedingungen.
Aber jede Bedingung und jede Krise kann eine Chance für einen neuen Lebensentwurf sein, laut Logotherapie.
Wenn sich psychologische Fachkräfte nicht auf einen bestimmten Ansatz festlegen wollen, kombinieren sie Elemente aus den unterschiedlichen Schulen. Das nennt sich „integrativer Ansatz“ und zeigt dir, dass die Beratung individuell auf dich zugeschnitten werden kann. Das kann ein Vorteil sein, allerdings solltest du dich vergewissern, dass die Fachkraft ausreichend psychologisch ausgebildet ist (v. a. wenn es sich um ein Coaching handelt).
Du bekommst den Sinn nicht von einem Mentor auf dem Silbertablett serviert. Er muss von dir entdeckt und im Alltag gelebt sowie erlebt werden.
Wie viel Sinn brauchst du wirklich?
Ich beschäftige mich schon seit dem Beginn meines Studiums mit dem Thema „Sinn“. Mich faszinierte dieser enorme Lebenswille, der durch das Sinnerleben hervorgerufen wird.
Und so suchte ich selbst nach diesem großen Sinn, der mich durchs Leben leiten sollte, in guten wie im schlechten Zeiten.
Als Psychologin fand ich diesen Sinn in der Mission, Menschen zu helfen und zu inspirieren. Das war sehr präsent während der Corona-Krise und ist es bis heute.
Aber da ist noch mehr!
Denn was ich ziemlich schnell merkte, war, dass ich mich zu stark an diesem einen Sinn festklammerte. Die berufliche Mission wurde zur zwanghaften Verpflichtung und schließlich zur emotionalen Belastung.
Ich ließ locker von dem großen Sinn (ohne ihn ganz loszulassen) und wandte mich den „einfachen Dingen“ zu. Dazu gehören die alltäglichen Gewohnheiten und Routinen. Das Vertraute. Und die kurzen „Glimmer-Momente“, z. B. wenn ein Schmetterling auf deinem Handrücken landet. Neue, aufregende Situationen gehören ebenso dazu, z. B. ein Besuch im Museum, Malen, Tanzen oder Reisen. Dann ist da noch das Beständige – das, was Sicherheit gibt, z. B. Natur, soziale Kontakte, vertraute Orte oder Lieblingssongs.
Dürfen diese einfachen Dinge auch Sinn stiften? Absolut!
Denn siehe da – ich spüre Lebendigkeit, wenn ich nur an diese Dinge denke und über sie schreibe.
Wenn du die oben aufgeführten Beispiele mit einrechnest, merkst du vielleicht, dass es eine Fülle an Sinn im ganz normalen Alltag geben kann, ohne dass etwas Großes passieren muss.
Und genau das will ich dir sagen: Du entscheidest, wie wichtig dir das Sinnerleben ist. Hauptsache, du spürst einen (kleinen) Impuls der Lebendigkeit.
Brauchst du einen Anker? Dann versuche, die oben genannten Dinge im Alltag (noch mehr) zu kultivieren und zu genießen. Dabei hilft die Übung am Ende des Posts.
Bist du zufrieden mit dem, was ist? Glückwunsch – lass es, wie es ist und verliere dich nicht in Trends zur scheinbaren Selbstoptimierung.
Mein „Sinnkompass“ bei emotionaler Belastung
Meine Erfahrung als Psychologin zeigt, dass das Philosophieren über den Sinn nur die halbe Miete ist. Du musst Sinn und Wirksamkeit auch wirklich fühlen, damit sich etwas ändert.
Im letzten Abschnitt habe ich beschrieben, was mir geholfen hat, die Sinnfrage zu beantworten. Daraus habe ich Methoden für meine Arbeit entwickelt, mit denen ich mich wirklich identifizieren kann. Denn mir ist wichtig, zu leben, was ich lehre.
So unterstütze ich Sinnprozesse im Dialog und auf körperlicher Ebene:
-Wertearbeit aus der Logotherapie: Welche Werte liegen hinter deinen aktuellen Zielen, Überzeugungen und Entscheidungen – und sind diese überhaupt sinnvoll? Wie lebst du deine Werte im Alltag aus? Was ist (nicht) verhandelbar?
-Ressourcenorientierung: Was gibt dir Kraft, trotz Krise weiterzugehen?
-Narratives Reframing: Wofür stehen deine früheren Lebensphasen? Welche Alternativgeschichte gibt es, die dir heute weiterhelfen kann?
-Achtsamkeit und Embodiment: Denke nicht nur über deinen Sinn nach, sondern fühle und erlebe ihn.
-Japanische Psychologie: Ikigai, Naikan (buddhistische Dankbarkeitspraxis)
-Kreativität und Kunsttherapeutische Methoden: Wie verkörperst du Lebendigkeit?
Meine Erkenntnis: Wir alle durchleben persönliche und globale Krisen. Sich mit dem eigenen Sinnerleben zu beschäftigen, halte ich deshalb für wichtig, solange man es nicht übertreibt. Denn ein Sinn lässt sich nicht erzwingen. Manchmal darf etwas Erlebtes auch einfach „sinnlos“ sein, solange die grundlegende Lebensbejahung bestehen bleibt.
Übungen für mehr Sinnerleben im Alltag
„Es darf auch einfach sein“ ist einer meiner liebsten Leitsätze. Soll heißen, dass es meistens keine komplizierte Anleitung braucht, um eine positive Veränderungen zu bewirken. Was es allerdings braucht, ist Wiederholung.
Suche dir eine der folgenden drei Übungen aus und probiere sie für mindestens 30 Tage aus.
Übung 1) Starte den Tag mit Genuss
Die erste Tätigkeit am Morgen sollte nicht der Blick aufs Handy sein. Dabei hilft eine simple Frage: Welche Tätigkeit macht dir Spaß? Eine Yoga-Einheit mit langem Savasana? Ein Fotoalbum vom letzten Urlaub durchblättern? Die Vögel im Garten beobachten mit einer Tasse Kaffee in der Hand?
Lass genau das das Erste sein, das du machst. Der (Arbeits-)Alltag darf folgen.
Übung 2) Finde deine Konstanten
Sammele jeden Tag eine Sache, die dir ein Gefühl von Beständigkeit gibt. Das Rauschen des Windes durch die Blätter eines Baums, das Telefonat, das Kaffee-Date mit der besten Freundin, der Besuch bei der Familie, das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut.
Schenke deinen Konstanten mehr Aufmerksamkeit und bleibe eine Weile in dem Gefühl der Beständigkeit.
Übung 3) Führe ein Dankbarkeitsjournal
Ich meine nicht das klassische Journal mit den drei Dingen, für die du dankbar bist. Es braucht nur eine einzige Frage, die du dir z. B. jeden Abend stellen kannst: Was habe ich heute von anderen Menschen empfangen?
Notiere für mindestens fünf Minuten neutrale und angenehme Dinge, Worte, Gesten, Gefallen, etc., die aus deinem sozialen Umfeld kommen.
Beispiele: Mein Partner hat mir Zeit und Gehör gegeben, als ich von meinem stressigen Tag berichtet habe. Die Barista im Café hat mir einen leckeren Cappuccino zubereitet. Die Müllabfuhr hat meine Tonne geleert.
Bonus: Drücke deine Dankbarkeit aus, in Form einer liebevollen Nachricht oder kleinen Geste.
Die Übungen sind ein toller Einstieg in ein frisches, unkonventionelles Sinnverständnis, auch und vor allem in Krisenzeiten.
Alles schön und gut, aber du willst mehr aus deinem persönlichen Sinn machen?
Lass dich von mir im 1:1 Mentoring begleiten. Schreib mir über das Kontaktformular und profitiere von einer persönlichen Begleitung, die individuell auf dich zugeschnitten ist und dich weiterbringt.
Nichts verpassen! Komm in die Radical Selflove Community und genieße wöchentliche Impulse, Live-Calls und Workshops rund um das Thema Sinn und Selbstbewusstsein. Dieses Angebot gilt vorerst nur für Frauen. Schreib mir über das Kontaktformular und lass dich auf die Warteliste setzen.
Ressourcen:
Fäh, M. (2008). Irvin D. Yalom: Existenzielle Psychotherapie: 4. Auflage. Bergisch Gladbach: Edition Humanistische Psychologie 2005 Erstausgabe: Existential psychotherapy New York: Basic Books 1980. In Einhundert Meisterwerke der Psychotherapie: Ein Literaturführer (pp. 203-205). Vienna: Springer Vienna.
Frankl, V. E. (2010). … trotzdem Ja zum Leben sagen: ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Kösel-Verlag.
Kotera, Y., Kaluzeviciute, G., Garip, G., McEwan, K., & Chamberlain, K. (2021). Health benefits of Ikigai: a review of literature.
Längle, A. (2015). Grundprinzipien der existenziellen Psychotherapie. Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie, 16(1), 30-35.
Martela, F., & Steger, M. F. (2016). The three meanings of meaning in life: Distinguishing coherence, purpose, and significance. The Journal of Positive Psychology, 11(5), 531-545.
Nagata, S., Kono, S., Tanaka, K., Ota, K., Hirasawa, E., & Kato, D. (2024). Exploring interests: A pathway to ikigai and eudaimonic well-being among people with serious mental illness. Psychiatric Rehabilitation Journal.
Steger, M. F. (2013). Experiencing meaning in life: Optimal functioning at the nexus of well-being, psychopathology, and spirituality. In The human quest for meaning (pp. 165-184). Routledge.
Yalom, I. (1980). Existential psychotherapy basic books. In New York: Library of Congress Cataloging in Publication Data (p. 434).


