Die Kunst, allein zu sein

Dr. Katharina Stenger Die Kust des Alleinseins

Teil I – Die Psychologie des Alleinseins


Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein


Viele meiner Klienten klagen über Einsamkeit in ihrem Leben (ob als Single oder in einer festen Partnerschaft) und sehnen sich nach liebevollen Kontakten, da sie sich allein „unvollkommen“ fühlen.  

Der Gedanke, „allein = einsam“ und „ich brauche einen Lebensgefährten, um vollkommen zu sein“, ist nicht unüblich. 

Und natürlich stimme ich zu: Es ist schön, Erlebnisse und Gefühle zu teilen. Es ist schön, jemanden zu haben, dem man sich anvertrauen kann und der Halt und Unterstützung bietet. 

Dennoch landen viele Menschen in einer unglücklichen Beziehung, weil sie nicht allein sein wollen. Trotz großer Unzufriedenheit können sie sich nicht vom Partner lösen oder wenn sie es doch wagen, kehren sie immer wieder zurück. Denn die Betroffenen ziehen eine unglückliche Beziehung aus der Angst vor dem Alleinsein vor.


Was steckt hinter der überwältigenden Angst, allein zu sein?

Und wie kann man sie überwinden?


Diesen Fragen möchte ich in dieser Blogpostreihe auf den Grund gehen. In meinen Texten lasse ich eigene Erfahrungen sprechen und teile Inspirationen von anderen (glücklichen) Einzelgängern, die ich auf meinem Weg getroffen habe.

Ich möchte dir als Leser bewusst machen, dass du gar nicht so allein bist, wie du dich manchmal fühlst. Und dass das Alleinsein alles andere als traurig und bemitleidenswert ist – im Gegenteil! Es ist eine Freiheit und eine große Chance, glücklich zu werden!

Die Blogpostreihe umfasst vier Situationen mit den zugehörigen Tipps, wie du dich schrittweise von der Angst vor dem Alleinsein lösen und dich bewusst (und zufrieden) als Einzelgänger durchs Leben bewegen kannst.

Doch zunächst möchte ich etwas zum psychologischen Hintergrund schreiben:


Autophobie – Große Angst vor dem Alleinsein


ALLEIN – Ein Wort mit einem deutlich negativen Beigeschmack. Bei Vielen löst dieses Wort Angst und Unbehagen aus.

Dabei bezeichnet die Wortherkunft von allein = „einzig“ – so wie in „einzigartig“ oder wie in „einziger Inhaber“ – und das klingt doch eigentlich nicht schlecht. 

Die deutlich negative Assoziation mit dem Wort bedingt unter anderem die große Angst vor dem Alleinsein. Die stärkste Ausprägung dieser Angst heißt „Autophobie“. Autophobie steht für eine geradezu panische Furcht, von der Gesellschaft als unwichtig abgestempelt, ausgeschlossen und vergessen zu werden. Die Betroffenen können nicht unabhängig von ihren Mitmenschen funktionieren und erleben dementsprechend ständige und andauernde Verlustängste. Durchdrungen von Selbstzweifeln und Unsicherheit versuchen die Betroffenen krampfhaft, Anschluss zu finden und „gebraucht zu werden“. Besonders in Partnerschaften sehnen sie sich nach ständigen Liebesbeweisen und Anerkennung. Sie übernehmen nicht gerne Eigenverantwortung und handeln nicht gerne selbstständig. Kritik (sei sie auch konstruktiv) oder gar Ablehnung anzunehmen, fällt ihnen sehr schwer. Im schlimmsten Fall stürzen sie sogar emotional in ein tiefes Loch. Die Ursachen für Autophobie liegen meist in der Kindheit, wenn Vernachlässigung oder sogar Verlust einer wichtigen Vertrauensperson erlebt und nicht richtig verarbeitet wurde. 


Alleinsein ist verdächtig


Jedoch ist nicht jede Angst vor dem Alleinsein eine krankhafte Angststörung. Die generelle Angst vor dem Alleinsein ist ein weit verbreitetes Phänomen, das unter anderem gesellschaftlich verursacht ist.

Bist du Single im mittleren Alter, so stößt du vielleicht des Öfteren auf Kommentare wie „Und, wann wirst du endlich sesshaft? Der/Die Richtige wird schon noch kommen. Willst du eigentlich keine Kinder?“ usw. Solche Kommentare können nicht nur schmerzhaft sein (man denke nur an den unerfüllten Kinderwunsch), sie lassen Einzelgänger tatsächlich an ihrem Lebensstil zweifeln. Alleinstehenden wird eingeredet, dass sie einen Partner brauchen, der an ihrer Seite steht, sie stets anerkennt und unterstützt (körperlich als auch emotional). Eine bedingungslose Liebe, die schließlich in die Ehe und in die wachsende Familie mündet, ist heute noch die größte Errungenschaft im Leben.

Doch sind wir mal realistisch – nicht jede Ehe ist erfolgreich und darüber hinaus gibt noch viele andere „Gewinne“ im Leben, die man sehr gut allein erreichen kann. Das soll keineswegs zynisch klingen, es soll lediglich aufzeigen, dass nichts absolut ist und dass es mehrere Wege zu „Liebe, Glück und Erfolg“ im Leben gibt.


Ich bin Single! Wen interessiert’s?


Warum ist die Gesellschaft eigentlich an dem Beziehungsstatus interessiert?
Evolutionsbiologisch macht es durchaus Sinn, einen festen Lebenspartner zu haben, um sich fortzupflanzen und Sicherheit für die eigene Familie zu garantieren. Dementsprechend assoziiert die Gesellschaft Personen, die einen Partner gefunden haben, mit Fitness, Gesundheit und Stabilität im Leben. Die theoretische Konsequenz ist, dass mit den Alleingebliebenen etwas nicht stimmen muss.

Doch dieses „Steinzeit“-Denken ist in der modernen Gesellschaft mehr als überholt. Der Wandel im Denken zeigt sich sogar in der wachsenden Anzahl unterschiedlicher Beziehungsmodelle. Es gibt deutlich mehr bekennende Singles, Mingles und „Living Apart Together“ Partnerschaften (eine besondere Art der Fernbeziehung). Scheidungen nehmen zu und werden gesellschaftlich mehr akzeptiert. Sowohl Einzelpersonen als auch Partnerschaften werden lockerer und offener.


Ich KANN nicht allein sein! Was tun?


Trotz des Trends zu neuen Beziehungsmodellen bleibt bei vielen die Angst vor dem Alleinsein fest verankert. Das führt dazu, dass sich die Ängstlichen zwar in einer festen Beziehung oder einer Ehe befinden, sich aber trotzdem einsam fühlen. Zum Beispiel, wenn sie sich von ihrem Partner schlecht behandelt, unterdrückt oder nicht verstanden fühlen. Dennoch lassen die Betroffenen von der Beziehung nicht los, weil die Angst, allein zu sein, größer ist als das Leid in der dysfunktionalen Beziehung.

Für alle Ängstlichen gilt also: Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein stärken! Und der Selbstliebe mindestens genau so viel Gewicht (wenn nicht sogar mehr Gewicht) geben, wie der Bestätigung von der Gesellschaft.


Alleinsein lernen


Egal, in welcher Situation du dich befindest: Mach dir bewusst, dass niemand dieselben Gedanken, Gefühle und Erlebnisse hat wie du. Niemand hat dieselbe Persönlichkeit, denselben Körper, dieselben Synapsen wie du. Du bist einzigartig! Und du kannst lernen, als Einzelgänger wieder „vollkommen“ zu sein. Ich gebe dir ein paar Impulse, wie das aussehen kann:

Situation Nr.1: Allein im Alltag


Alleinsein und Selbstbewusstsein


Da lieb ich mich doch erst mal selber! – In seinem Song „I love me selber“ singt Udo Lindenberg darüber, dass man sich zuerst selbst bedingungslos lieben soll, bevor man sich fest an einen Partner bindet. Allein sein bedeutet also nicht, ohne Liebe zu sein. Es gibt die Liebe zur Familie, zu Freunden und die wohl wichtigste – die Liebe zu sich selbst.

Eine Studie aus den USA bestätigt tatsächlich, dass ein positiver Selbstwert mit der erfolgreichen Entwicklung vollkommener Liebe und Leidenschaft für andere zusammenhängt. Umgekehrt glauben Menschen, die ein negatives Bild von sich selbst haben, dass sie die Liebe von anderen nicht verdienen und vermeiden daher eine (gesunde) Liebesbeziehung.

In der Regel fällt es uns leicht, freundlich und liebevoll mit Menschen umzugehen, die uns wichtig sind. Die Liebe zu uns selbst hingegen wird oft als rücksichtslos und egoistisch angesehen. Wir glauben, Mitgefühl ist ein Geschenk, das wir anderen machen, aber nicht uns selbst. 

Die fernöstlichen Kulturen sind uns in Sachen Selbstliebe und Selbstmitgefühl einen Schritt voraus. Die buddhistische Psychologie beschreibt die wahre Liebe zu uns selbst als wichtige Basis der Persönlichkeitsentwicklung und bestes Mittel gegen viele Formen der Angst.

Was kannst du im Alltag tun, um dich weniger allein zu fühlen? 


Alleinsein genießen mit Selbstfürsorge


Selbstfürsorge ist in!
Selbstfürsorge meint die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse zu berücksichtigen, Belastungen einzuschätzen, sich nicht zu überfordern, gut mit sich umzugehen und sich zu schützen (Küchenhoff, J., 1999).  

Das heißt nicht, täglich einen Serienmarathon auf Netflix durchzuziehen. Das ist zwar ab und an völlig okay, aber auf lange Sicht ist Streaming zu passiv und macht Platz für Gefühle von Langeweile und Einsamkeit. Probier also lieber etwas Aktives. Stelle dir bewusst die Frage, was DU schon immer mal machen wolltest. Jetzt ist nämlich die Zeit dafür! Die Zeit, eine neue Karriere zu starten oder die Karriereleiter hinauf zu steigen. Zeit für eine Solo-Reise, auf der du den Reiseplan und die To-do Liste allein bestimmst. Zeit für ein Buch das du schon immer mal verschlingen wolltest. Zeit für ein Hobby, das dich schon immer begeistert hat – ob allein oder in einer Gruppe (so lernst du übrigens wunderbar gleichgesinnte Menschen kennen 😉).

Im 2. Teil von „Die Kunst, allein zu sein“ geht es um das Allein-reisen. Es bleibt spannend!

Du fühlst dich einsam und brauchst psychologische Unterstützung? Schreib mich an: info@katharina-stenger.de


Dr. Katharina Stenger

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